Kürzlich wurde in den Medien auf eine Untersuchung hingewiesen, die gezeigt hat, dass eine zunehmende Zahl vor allem junger Menschen bei seelischen Nöten oder bei Einsamkeit Hilfe und „Gespräch“ bei KI generierten Beratungen suchen. Wenig überraschend wurde dabei darauf hingewiesen, dass KI in vielen Fällen, vor allem aber bei Sorgen und Nöten echte Gespräche nicht ersetzen kann. Überraschend ist dabei vielleicht sogar eher, dass so ein Hinweis überhaupt nötig ist. Möglicherweise ein Indiz dafür, dass echte Gespräche überhaupt seltener geworden sind?
Wenn wir von „echten“ Gesprächen reden, könnte der Eindruck entstehen, dass es so etwas wie ein Ideal des Gespräches gibt. Literatur und Theorien über Kommunikation verstärken noch diesen Eindruck. Dabei ist aber eine Grundmerkmal eines „echten“ Gespräch, dass sein Verlauf und sein Ergebnis sich eben nicht kalkulieren lässt und sich nicht in Regelhaftem einhegen lässt.
Was das persönliche Gespräch so bereichernd, spannend, erfüllend und auch tröstlich macht oder machen kann ist, dass jeder Mensch einzigartig ist und wir in jedem anderen Menschen einer ganz neuen Welt begegnen können, neuen Erfahrungen, Sichtweisen und Perspektiven. Jedes echte Gespräch, das in die Tiefe geht, ergänzt uns und macht uns ein Stück weit vollständiger und heiler. Allerdings ist der „Preis“ manchmal zunächst eine Irritation, eine Verunsicherung oder dass bisher gemeintes in Frage gestellt wird.
Wir leben in einer regulierten Welt, in der alle großen Risiken und Unwägbarkeiten auf eine Weise organisiert sind, dass wir sie möglichst weit von uns fernhalten. Und wir hangeln uns dazu von Ansprüchen zu Ansprüchen. Es ist erstaunlich, worauf wir alles meinen ein Recht zu haben. Das Versprechen von Technik und Wissenschaft, dass sich alles regeln und vorherbestimmen lässt, schwappt durch die KI auch in unsere Welt der Beziehungen.
Die Begegnung mit anderen Menschen kann uns bereichern und kann uns irritieren. Wenn wir uns auf eine echtes Gespräch einlassen, können wir beschenkt werden oder enttäuscht. Lohnen tut es sich auf jeden Fall!
Ähnlich ist es übrigens bei der Begegnung und dem Gespräch mit dem ganz Anderen, den wir vielleicht Gott nennen oder Grund des Lebens oder Sinn … Wenn wir uns darauf einlassen, Gott zu begegnen und mit ihm ins Gespräch zu kommen, können wir bereichert werden oder auch irritiert, beschenkt oder auch „ent-täuscht“ …. auf jeden Fall kann das Fragen und Suchen nach dem, was unser Leben trägt und sinnvoll macht, uns keine KI abnehmen.
Autor: Christoph Gewinner, Leiter der Gefängnisseelsorge im Bistum Würzburg, Gemeindereferent in der PG Würzburg Ost

