Brücken kosten Geld. Gräben entstehen oft von allein. Das gilt in der Landschaft genauso wie zwischen Menschen. Eine Brücke muss geplant, gebaut und gepflegt werden. Ein Graben braucht manchmal nur ein unbedachtes Wort, einen verletzten Stolz oder die Überzeugung, allein im Recht zu sein. Manchmal habe ich den Eindruck, wir leben in einer Zeit, in der Gräben besonders schnell entstehen. Zwischen politischen Überzeugungen, zwischen Generationen, zwischen Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Lebensentwürfen. In sozialen Medien genügen manchmal wenige Zeilen, um aus einer anderen Sichtweise einen Angriff zu machen. Aus einem Gespräch wird ein Streit. Aus einer Begegnung wird Abgrenzung. Dabei beginnt das Leben doch meist ganz anders. Jeder Mensch wünscht sich, gesehen zu werden. Gehört zu werden. Ernst genommen zu werden. Wir alle kennen die Sehnsucht nach einem Gegenüber, das nicht sofort bewertet, sondern erst einmal versteht.
Jesus hat Menschen nicht zuerst nach ihrer Meinung gefragt. Er hat ihnen zugehört. Er hat sich an Tische gesetzt, an denen andre nicht Platz nehmen wollten. Er hat Brücken gebaut - zu den Ausgegrenzten, zu den Zweifelnden, zu denen, die Fehler gemacht hatten und einen neuen Anfang suchten. Er hat nicht gefragt: „Gehörst du zu uns?" Er hat gefragt: „Was brauchst du?" Brücken zu bauen war für Jesus nicht der bequemere Weg. Es war oft der schwierigere. Aber er ging diesen Weg, weil jeder Mensch für ihn wertvoll war.
Auch wir werden die großen Konflikte dieser Welt nicht an einem Wochenende lösen. Aber wir können entscheiden, wie wir dem Menschen begegnen, der uns gegenübersteht. Ob wir zuerst urteilen oder zuerst zuhören. Ob wir Recht behalten wollen oder Beziehung ermöglichen.
Eine Brücke entsteht nicht dadurch, dass beide Seiten gleich sind. Sie entsteht, weil jemand den ersten Schritt geht: ein Gespräch zu suchen, das schon lange überfällig ist. Ein versöhnendes Wort zu sprechen. Einen Menschen nicht auf seine Meinung, seine Fehler oder seine Vergangenheit zu reduzieren.
Denn manchmal beginnt eine große Veränderung nicht mit großen Worten, sondern mit einer kleinen Geste: einem offenen Ohr, einem ehrlichen Interesse oder der Bereitschaft, aufeinander zuzugehen. Die Welt braucht Menschen, die Brücken bauen. Denn auf Brücken begegnen sich Menschen.
Ich wünsche Ihnen ein Wochenende voller guter Begegnungen - und vielleicht den Mut, selbst eine Brücke zu sein.
Autor: Diakon Timo Richter, Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Johannis, Würzburg

