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Wir leben mit unserer Geschichte

Wort zum Wochenende
Unser Schicksal ist mitbestimmt von Ereignissen, so Pfarrer Jürgen Reichel.

Lieber Leser, liebe Leserin,

Haben Sie noch einige Ihrer Urgroßmütter und Urgroßväter kennen gelernt? Und wie weit können Sie Ihre Vorfahren zurückverfolgen? Wissen Sie, wo sie gelebt haben? Wie sie hießen? Welche Berufe sie ausgeübt haben? Was für Persönlichkeiten sie waren?

Einen Teil meiner eigenen Familiengeschichte konnte mir eine meiner Tanten sehr lebendig erzählen. Als sie verstorben ist, riss dieser Erzählfaden ab. Ich versuche nun, das, was sich bei mir eingeprägt hat, an Kinder und Enkel weiterzugeben.

Denn als ich als junger Mensch dieser Tante immer wieder zuhörte, habe ich verstanden: Markante Ereignisse vor 80 oder 100 Jahren haben auch mein Leben geprägt. Wer wo die Weltkriege erlebt hat, wer sich wie zu den Diktaturen in unserem Land verhalten hat, wer Flucht und Vertreibung, Hunger und Krankheit nach 1945 erlitten hat. Ob und wie einzelne vom Wirtschaftswunder profitiert haben. Welche Zerwürfnisse oder wie harmonisches Miteinander in einzelnen Zellen der Familie Wellen ausgelöst haben.

„Ich bin geduldig und reich an Güte,“ sagt Gott von sich im 2. Buch Mose (2. M. 34,6). „Ich vergebe Schuld und Unrecht. Trotzdem lasse ich die, die schuldig geworden sind, nicht davonkommen, und selbst ihre Nachkommen werden die Folgen noch bis in die dritte und vierte Generation spüren.“ Denen aber, die sich an seiner Güte ausrichten, verspricht Gott Gutes bis in die tausendste Generation (5. Mose 7,9).

Je älter ich geworden bin, desto besser habe ich das gut nachvollziehen können: Wir leben mit unserer Geschichte. Auch mit der, die uns nicht bewusst oder bekannt ist. Unser Schicksal ist mitbestimmt von Ereignissen, die lange vor unserem Leben liegen. Je mehr wir davon wissen, desto besser verstehen wir uns selbst. Dann können wir uns von manchem, was unser Leben beschwert, frei machen. Denn Gott will uns Güte erfahren lassen und uns helfen, unheilvolle Zirkel zu durchbrechen.

Wenn die evangelische Kirche am 23. November den „Ewigkeitssonntag“ feiert, können wir unserer Vorfahren gedenken. Wir können uns in Erinnerung rufen, wie sich ihr Leben auf unseres ausgewirkt hat und uns gleichzeitig bewusst machen, dass wir auf dem Guten aufbauen können, das sie uns mitgegeben haben.

Pfarrer i. R. Jürgen Reichel