„Es ist nicht die Zeit für Veränderungen. Entspann dich, bleib gelassen!, so rät es im populären Song „Father and Son“ von Cat Stevens der Vater dem Sohn, der sich für revolutionäre Ideen begeistert. Bis heute wird das Lied beständig im Radio gespielt und kann von vielen Zuhörern mitgesungen werden. Der Text ist mehr als das Spiegelbild eines Generationenkonfliktes. Er beschreibt ein Grundspannung unseres Menschseins: „Auf dem Boden bleiben“ oder „nach den Sternen greifen“? Wie schauen wir auf das neue Jahr? Leitet uns der Wunsch nach Beständigkeit mit der Hoffnung, dass sich möglichst wenig Unvorhergesehenes ereignet? Oder brennt in uns eine Sehnsucht nach Veränderung, Neuaufbruch und Wagnis? Viele Menschen wollen sich auf keine Abenteuer einlassen, sondern an dem festhalten, was sie kennen. Mitunter geht dieser Wunsch nach Sicherheit so weit, dass sie lieber Schmerzen ertragen als eine notwendige Operation anzugehen. Andere suchen nach Abwechslung und neue Herausforderungen, weil sie sonst das Leben als eintönig und langweilig empfinden. Welcher Weg ist besser?
Die Bibel gibt uns in den Erzeltern Abraham und Sara ein Modell an die Hand, die beide Haltungen verbinden. Im hohen Alter wagen sie auf Gottes Wort hin den Aufbruch in Neuland. Sie lassen Gewohntes hinter sich. Dabei leitet sie nicht Wagemut und der Reiz der Gefahr, sondern ihr beständiges Vertrauen in den Gott, der sie ein Leben lang geführt hat. Sie wissen um das Beständige auf ihrem Weg: die Partnerschaft, die durch Höhen und Tiefen gegangen ist, das Leben als Halbnomaden, die viele Orte am Wüstenrand kennen, und der Glaube an den Gott, der ihnen einen gute Zukunft verheißt. In der Nacht von Hebron lässt Gott Abraham in den Himmel schauen und verspricht ihm eine große Zukunft: „So zahlreich wie die Sterne sollen deine Nachkommen werden.“
In unserer Pfarrkirche Unsere Liebe Frau erhebt sich über dem Altar ein großer Sternenhimmel. Familien, Kinder, Jugendliche und Senioren haben Sterne gebastelt. Schülerinnen der Ursulinen-Schule haben sie ergänzt durch große Exemplare, die im Kirchenraum hängen. Auf vielen Sternen finden sich kurze Sätze, die von den Sternstunden im Leben und von Hoffnungen für die Zukunft erzählen. Mit beiden Füßen auf dem Boden stehen und nach den Sternen greifen. Am Beginn des neuen Jahres wünsche ich Ihnen diese Haltung, die uns Abraham und Sara vorgelebt haben: Auf dem Boden bleiben und nach den Sternen greifen.
Sven Johannsen, Pfarrer im Pastoralen Raum Süd-Ost, Unserer Lieben Frau

