„Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm in allen Landen herrlich ist!“ Mit diesen Worten beginnt die Johannespassion von Johann Sebastian Bach. Sie fängt mit einem Triumphlied an ähnlich wie der 8. Psalm. Im Psalm rühmt alle Kreatur den Schöpfer der Welt: „Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!“ Wenn im Frühling die Natur wieder erwacht, die Bäume grün und die Blumen bunt werden – dann wird auch das Herz weit und rühmt den Schöpfer über seiner Schöpfung. Was im Herbst verdorrt und im Winter wie tot war, lebt wieder auf. Das klingt österlich. Aber wir hören noch die Johannespassion, kein Osteroratorium. Wir hören Musik für den Karfreitag, nicht für das Fest der Auferstehung.
Der Eingangschor bei Bach geht weiter: „Zeig uns durch deine Passion, dass du, der wahre Gottessohn, zu aller Zeit, auch in der größten Niedrigkeit, verherrlicht worden bist!“ Es geht weiter um Herrlichkeit, um den Triumph des Gottessohns. Aber dieser Triumph wird nicht im Erwachen der Schöpfung gesehen, sondern in seiner Passion, d.h. in seinem Leiden. Verherrlicht wird Jesus nicht erst an Ostern, sondern bereits an Karfreitag. Das ist die Botschaft der Johannespassion und des ganzen Johannesevangeliums.
Karfreitag und Triumph scheinen einander zu widersprechen, weil an diesem Tag Jesus am Kreuz stirbt. Trotzdem wurden wunderschöne Oratorien für diesen Tag komponiert. Wir feiern den Karfreitag in Gottesdiensten. Es ist ein Festtag, auch wenn das widersprüchlich erscheint. Das Kreuz ist zum bekanntesten Zeichen der Kirche geworden – nicht ein leeres Grab oder ein auferstandener Christus. Denn am Kreuz zeigt sich die Liebe Gottes zu den Menschen. Gott zeigt, was wir ihm wert sind. Er leidet für uns und stirbt für uns. Mit seinem eigenen Leben setzt er sich für uns Menschen ein. Größer kann die Liebe nicht sein.
Aber – natürlich kommt der Einwand: Für mich soll niemand sein Leben geben! Doch nicht für mich! Das sagen manche Menschen, weil sie anderen nicht zur Last fallen wollen. Umso mehr zeigt sich Gottes Liebe. Denn wir haben ihn doch gar nicht darum gebeten, das Christus für uns am Kreuz sterben sollte. Wir wären gar nicht auf die Idee gekommen. Wir würden uns auch kein Recht darauf anmaßen. Wer sollte dem Schöpfer der Welt irgendeinen Rat oder gar Befehl geben?
Gott selbst hatte die Idee, weil die Menschen ihm zur Last gefallen sind. So wie wir leben, entsprechen wir nicht der Liebe Gottes. Deshalb kommt er mit seiner unendlichen Liebe uns in die Quere. Wir können ihm nicht sagen: Doch nicht für mich! Dazu ist es zu spät. Er hat es bereits getan. Deshalb nehmen wir es an und freuen uns über Gottes Liebe. Sie triumphiert nicht erst an Ostern, sondern schon drei Tage vorher am Kreuz auf Golgatha.
Dr. Wenrich Slenczka, Dekan Evang.-Luth. Dekanat Würzburg

