Ich kann mich noch gut an die stets mahnenden Worte meiner Mutter erinnern. Jedes Mal vor jedem Weggehen, vor jeder Reise, immer wieder: Pass bloß auf! Und ich dachte mir: Nicht schon wieder!
Oder beim Besuch bei den Großeltern, wenn das Gespräch dann irgendwann bestimmt wieder bei der längst vergangenen Kriegszeit landete. Und ich dachte mir: Nicht schon wieder!
Aber unser Leben und Denken besteht aus dem Erinnern, dem „schon wieder“-Hervorholen und „schon wieder“ davon erzählen. Das ist wichtig und notwendig. Ohne Erinnerung an Vergangenes können wir die Gegenwart schwer verstehen und keine Perspektiven für die Zukunft entwickeln.
Jedes Jahr am 9. November gedenken wir der Reichsprogromnacht 1938, die ein dunkles Kapitel der Judenverfolgung und -auslöschung in Deutschland einläutete. Daran müssen wir uns erinnern. Aber dabei darf es nicht bleiben. Wir müssen erkennen, welche Zeichen damals darauf hindeuteten und wo es heute ähnliche Hinweise gibt. Und wir dürfen entdecken, welche ersten Schritte für ein gutes Zusammenleben nötig sind und diese auch vollziehen.
Wachsamkeit ist gefragt - gerade in heutigen Zeiten. Ähnlich wie es Jesus in seinem Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen erzählt, das am Sonntag gelesen wird. Wachsamkeit für die Zeichen der Zeit. Klugheit beim Einschätzen der Geschehnisse. Erinnern - Erkennen - Entdecken. So heißt auch die Kunstausstellung gegen Antisemitismus von der Künstlerin Claudia L. Wührl, die gerade in der Jugendkirche im Kilianeum gezeigt wird. Es geht um erhellendes Erinnern, wachsames Erkennen und weites Entdecken. Erinnern wir uns, damit es bei uns nicht schon wieder zur Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung kommt.
Autorin: Sabine Mehling-Sitter, Gemeindereferentin, Frauenseelsorge und Pastoraler Raum Ochsenfurt

