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„Weil Du lau bist“ (Offbarung 3,16)

Wort zum Wochenende
Es geht um nicht weniger als die Achtung der Menschlichkeit und der Würde jeder einzelnen Person, so Katharina Leniger.

„Ragebait“ – das ist das Jugendwort 2026. Gemeint sind damit Meldungen oder Posts in den sozialen Medien, die durch beabsichtigte Polemik, unwahre Behauptungen oder überzogene Emotionalisierung Aufmerksamkeit und damit Klicks, Kommentare und eine erhöhte Weiterverbreitung hervorrufen. Kaum jemand entkommt heute der Dauerempörung, die solche Beiträge gezielt erzeugen sollen. Ich muss gestehen, selten hat mir ein Jugendwort so sehr aus der Seele gesprochen.

Ich bin in den 90ern aufgewachsen, in einer Zeit, die sich selbst oft entspannt gab – vielleicht zu entspannt. Weit weg von Ragebait. Meine Generation kann man getrost in weiten Teilen als „lau“ beschreiben: Nicht so richtig dafür, aber schon gar nicht dagegen.

Dahin möchte ich nicht zurück. Denn mitnichten waren die „alten Zeiten“, in denen die Welt scheinbar immer glücklicher und friedlicher wurde, frei von sozialer Ungerechtigkeit. Es hätte genügend Grund zur Empörung gegeben. Demokratie und ein gutes Miteinander brauchen immer Menschen, die sich einbringen und für eine gerechte Gesellschaft aufstehen, auch ihren Ärger zeigen.

Die Ragebait-Masche, die erzeugte und oft erschwindelte Provokation, darf dafür aber nicht das Mittel der Wahl sein. Die Plattformen dienen in erster Linie keinesfalls der Kultivierung und positiven Entwicklung des demokratischen Diskurses. Sie erwirtschaften Geld. Viel Geld. Doch die permanent Empörten und allzeit Betroffenen werden unsere Demokratie nicht weiterbringen. Es geht ihnen weder um Verständigung noch um Kompromisse. Und das nützt vor allem: Den extremen und extremistischen Kräften.

Echtes demokratisches Engagement ist nicht ein Strohfeuer der Empörung, des ausgestreckten Zeigefingers oder der in die Welt gebrüllten persönlichen „Meinung“. Vielmehr zeigt es sich in beharrlichem Willen zum Dialog, in der Bereitstellung von geschützten Räumen für die Begegnung von Angesicht zu Angesicht, in Investitionen in Bildung und Jugendarbeit, in Solidarität mit den Ausgegrenzten und Entrechteten.

Es geht um nicht weniger als die Achtung der Menschlichkeit und der Würde jeder einzelnen Person: Den Kern der christlichen Botschaft. Es sind an vielen Orten fast nur noch die Kirchen, die gegen rechtsextreme Positionen mit langem Atem und klarer Haltung weitermachen. Nicht ohne Wut und mit Sicherheit nicht lau, eher mit einer Art heiligem Zorn, der anspornt, ein gerechtes Miteinander für alle zu erhalten und zu gestalten. 

Autorin: Katharina Leniger, Leiterin des Referates Spiritualität

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