Ein Buckelwal vor der deutschen Küste bewegt ein ganzes Land. Menschen bangen, Medien berichten. Ein Minister spricht von einem „schlimmsten Ostergeschehen“. Für einen Moment lenkte das Schicksal des Wals unsere Aufmerksamkeit auf die Bedrohung unserer Meere.
Zur gleichen Zeit ertrinken Menschen im Mittelmeer. Im Libanon sterben Hunderte im Bombenhagel – ebenso im Iran, in der Ukraine, im Sudan.
Wir wissen das. Und doch erreicht es uns nicht in gleicher Weise.
Dem Wal hat man einen Namen gegeben: Timmy. Menschen bleiben für uns oft namenlos. Eine Zahl.
Ostern liegt drei Wochen zurück. Für viele ist es einfach ein langes Wochenende gewesen. Für andere steht es für die Hoffnung und den Glauben, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.
Die Erzählungen rund um Ostern berichten davon, dass Veränderung Zeit braucht. Dass Menschen nicht sofort verstehen, was geschehen ist. Der auferstandene Jesus lässt ihnen Zeit. Vierzig Tage lang begegnet er ihnen immer wieder – er spricht, isst und schweigt mit ihnen. Vertrauen wächst langsam – gegen Angst und Zweifel.
Ein Detail aus der Passionsgeschichte macht das greifbar: Simon von Zyrene. Ein Mann, der vom Feld kommt, gezwungen, das Kreuz des verurteilten Jesus zu tragen. Kein Held. Und doch bleibt sein Name. Vielleicht, weil er für einen Moment nicht ausweicht.
„Rette dich selbst“, rufen sie Jesus zu. Doch er tut es nicht. Er bleibt – bei den Menschen und ihrem Leid. Auch Simon von Zyrene entzieht sich nicht. Er trägt für einen Moment mit.
Darin liegt die Zumutung von Ostern – über religiöse Grenzen hinaus:
Dass Rettung nicht darin besteht, sich selbst zu behaupten.
Dass Gewalt nicht einfach durch Gegengewalt verschwindet.
Und dass Menschlichkeit dort beginnt, wo wir uns nicht entziehen.
In einer Zeit, in der wir uns an Zahlen gewöhnt haben, kommt es auf etwas anderes an: Namen. Nähe. Verantwortung.
Die Mystikerin Hadewijch schrieb: „In meinem Dunkel soll es eine Wende geben.“
Vielleicht beginnt sie dort, wo das Ich leiser wird. Der Philosoph Jonathan Sacks beschreibt das Gebet als einen Moment, in dem das Ich nicht mehr im Mittelpunkt steht.
Ostern sagt: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Aber das Leben setzt sich nicht von selbst durch.
Die Frage bleibt, wie wir leben wollen. Es braucht Menschen, die dem Leben Raum geben.
Vielleicht beginnt heute ein neues Leben.
Mit einem Menschen.
Vielleicht mit uns –
wo das Ich leiser wird.
Im Vertrauen darauf, dass Gott den ersten Schritt längst getan hat.,,
Autor: Pfarrerin Angelika Wagner

