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Zwischen Sorge und Verantwortung

Wort zum Wochenende
Die Sichtbarkeit von Erinnerung wird eine wachsende Herausforderung, so Dr. Josef Schuster.

Das neue Jahr 2026 ist noch jung, doch es beginnt so turbulent, wie das letzte endete. Kaum einmal werden uns Ruhe oder Ausgleich gewährt.
Das jüdische Jahr richtet sich nach dem Mond. Es begann bereits im September, mit dem Fest Rosch Haschana, auch genannt: „Der Tag des Gerichts“. An diesem Tag blicken Juden auf das vergangene Jahr zurück, sie besinnen sich und reflektieren das Geschehene. Dieses Besinnen vereinnahmt der 7. Oktober 2023, der sich kurz nach Rosch Haschana zum zweiten Mal jährte – das größte Massaker an Jüdinnen und Juden seit der Schoa. Diese Zäsur prägt Juden weltweit. Sie prägt mich. Viele andere Teile der Gesellschaft scheint sie nicht zu berühren, denn Antisemitismus in Deutschland dringt zunehmend in die Mitte der Gesellschaft vor. Viele Menschen fühlen sich in Annahmen bestätigt, die sie schon zuvor über Israel hatten. Sie fühlen sich jetzt ermächtigt, Positionen zu äußern, die sie vor fünf Jahren nicht offen ausgesprochen hätten. Dieses Klima normalisiert sich. In der Folge ziehen sich Juden aus dem öffentlichen Raum zurück, verstecken ihre Identität, verzichten auf Sichtbarkeit. Jüdische Künstler etwa wollen weder mit ihrer jüdischen noch mit ihrer israelischen Identität in Verbindung gebracht werden. Sie haben Angst. Gleichzeitig werden sie ungerne eingeladen, denn welcher Kurator traut sich, diese Konflikte auszutragen?

Was folgt daraus für Jüdinnen und Juden, nicht nur in der Kulturszene? Wie können wir der Normalisierung des Antisemitismus entgegenwirken? Es geht nicht ohne kritisches Bewusstsein für die Zustände, in denen sich unsere Gesellschaft befindet. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und Verantwortung, die Erinnerung zu bewahren und weiterzutragen. Die Sichtbarkeit von Erinnerung wird eine wachsende Herausforderung, gerade in der jungen Generation. Sie hängt immer mehr von Klickzahlen, Trends und Plattformregeln ab, nicht von historischer Bedeutung oder pädagogischer Qualität. Jeder Achte der 18- bis 29-Jährigen gibt an, noch nie vom Holocaust gehört zu haben. Mehr als ein Drittel kann kein einziges Konzentrationslager beim Namen nennen.
Diese Zustände müssen uns besorgen. Hoffnung machen mir jedoch die vielen in der Arbeit zur Erinnerungskultur engagierten Menschen. Sie nehmen die Ängste ernst und hören mahnende Stimmen. Sie vergessen nicht und tragen die Konflikte aus, die wir als Gesellschaft führen müssen, um zu einem Klima der Offenheit und Akzeptanz zu finden, und dem antisemitischen Hass die Stirn zu bieten.

Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland